Steuercontrolling – Koordinationsplattform zwischen Steuerberatung und Unternehmen

Die Komplexität und laufende Veränderung des Steuerrechts durch Gesetz, Rechtsprechung und Finanzverwaltung erfordert eine permanente Informationssammlung, -suche und
-versorgung, die der Steuerberatungsbetrieb im Hinblick auf die Informationsbedürfnisse seiner Mandanten bis in die betrieblichen Abteilungen, wie Einkauf und Marketing, durchführt und diese mit den betrieblichen und wirtschaftlichen Informationen des Unternehmens mit dem Ziel der Reduzierung der Steuerbelastung koordiniert.

Es ergeben sich permanent Fragestellungen, die im Einzelfall zu Steuerersparnissen und Steuervermeidungen führen können:

Bedeutet die jüngste Rechtsprechung des UFS Linz vom 5.1.2005, GZ.RV/0305-L/03, dass die nur elektronisch ausgestellten Anspruchszinsenbescheide keine „Bescheide“ sondern nur „Schriftstücke“ sind, wodurch eine Verweigerung der Zahlung von vorgeschriebenen Anspruchszinsen für Steuernachzahlungen ermöglicht wird? Kann das Verwaltungsgerichts­hoferkenntnis vom 20.10.2004, Zahl 2003/14/0017, so ausgelegt werden, dass ab der Rechts­lage 2003 für Unternehmerdiäten die Einschränkungen in der Dauer der Verrechnung gegen­über Dienstnehmern doch als verfassungswidrig angesehen werden können?

Die Koordination ist vielfältig. So kommt es durch das Rating der Banken aufgrund von Basel II mit dadurch entstehenden finanziellen Auswirkungen etwa in einem höheren oder niedrigeren Zinssatz, wenn die Ratingeinstufung sich verschlechtert oder verbessert, bei steuerbilanzpolitischen Maßnahmen zu einem Zielkonflikt zwischen einem höheren Gewinnausweis und damit regelmäßig höherer Steuerbemessungsgrundlage und Steuerbe­lastung einerseits und besserer Ratingeinstufung andererseits. M.E. liegt hier eine Un­flexibilität im Denken zum Nachteil der Wirtschaft vor.

Die Finanz NEU organisiert sich betriebswirtschaftlich vom Referenten-Finanzamt mit direktem Ansprechpartner zum anonymen Call-Center-Finanzamt mit der Verpflichtung, die Steuererklärungen elektronisch abzugeben. Das Finanzamt diktiert, was für die Steuer­einhebung an Unterlagen vorzulegen ist. Steuerberater und Steuerzahler müssen entscheiden, ob zusätzliche Informationen per Post übermittelt werden. Wird dieser Weg gegangen, steigt die Wahrscheinlichkeit, eine Betriebsprüfung oder Vorhalte zu „provozieren“. Wenn Zusatz­informationen im Einzelfall nicht vorgelegt werden, entsteht jedoch die Gefahr, einmal den Vorwurf zu bekommen, dass gegen eine Offen­legungsverpflichtung verstoßen wird, was bis zu finanzstrafrechtlichen Folgen führen kann. M.E. muss aus rechtsstaatlichen Gründen hier das Verfahrensrecht, insbesondere der Selbstanzeige geändert werden. Dies zu bewirken sind die Vertretungen der Steuerzahler auf­gerufen.

Mit Steuercontrolling kann ein Informations-, Planungs-, Kontroll-, Koordinations- und Steuerungssystem bereitgestellt und bei der praktischen Umsetzung eines komplexen und über Jahre vernetzten Steuergeschehens ein entsprechender Organisations- und Problemlösungsrahmen geschaffen werden.

Das Steuercontrolling sollte bereits bei der Unternehmensgründung mitinstitutionalisiert werden, aber auch eine Inventuraufnahme der Steuersituation im Zusammenhang mit dem Aufbau eines Chancen- und Risikocontrolling kann Anlass sein, die Effizienz und Akzeptanz der Besteuerung in der betriebswirtschaftlich richtigen Gewichtung zu erhöhen. Wichtig ist dabei die kontinuierliche Steuerbeobachtung auf den verschiedenen Ebenen, wobei hinsichtlich jener Maßnahmen, die idR zu Prüfungsschwerpunkten der Betriebsprüfung führen, bereits bei der Planung und Umsetzung auf die Dokumentation besonders zu achten ist.

Die Einrichtung eines Steuercontrolling schafft die Voraussetzungen sowohl beim Steuerbe­rater als auch bei jedem Steuerzahler im so stark planungsunsicheren Bereich der Besteuerung „selbstsicher“ zu werden. Damit bleibt Raum für das aus der Erfahrung entwickelte „Fingerspitzengefühl“.

WP/StB Hon.-Prof. Mag. Dr. Josef Schlager